Archiv der Kategorie ‘Internationales’
Waffenstillstand in Gaza
Ob Einsicht, internationaler Druck oder die Gefahr eines zermürbenden Häuserkampfes, Israel erklärt einseitigen Waffenstillstand. Eine gute Nachricht. Ein notwendiger erster Schritt. Dass die Hamas dennoch weiterkämpfen will ist nicht ganz einzusehen. Mit ähnlicher Penetranz investiert sie seit Jahren in fundamentalistischen Drill statt schulische Ausbildung, betreibt Waffenschmuggel statt Außenhandel und kauft Parteifunktionären dicke Autos anstatt die europäischen Hilfsmittel in Infrakstruktur zu investieren.
Was wird sich ändern? In Israel wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorerst nicht viel ändern. Qassam-Raketen sind auch heute noch in Israel gelandet, das wird morgen wohl nicht aufhören. Vielleicht kann man mittelfristig den Waffenschmuggel in den Griff bekommen.
Aber in Gaza wird sich etwas ändern: die unerträgliche Zahl der Toten durch israelische Waffen wird nicht weiter steigen. In den letzten 3 Wochen sind über 1000 Menschen getötet worden. Wie viele davon wirklich Hamas-Mitglieder waren ist schwer zu sagen, aber vermutlich eine Minderheit. Man wird anfangen können humanitäre Hilfe in den Gazastreifen zu bringen; dafür arbeiten, dass Seuchen oder Hunger nicht noch mehr Menschen dahinraffen. Man wird mit dem Wiederaufbau beginnen.
Frieden zwischen Palästinensern und Israelis ist immernoch in weiter Ferne; zu Armut und Elend in Gaza’s Flüchtlingslagern sind jetzt neue Wut über Israel und verzweifelte Hilflosigkeit gekommen.
Im Alltag hier in Tel Aviv ist der Krieg ungefähr so fern wie in London oder Berlin. Gelegentliche Demonstrationen, meist zur Unterstützung der israelischen Soldaten, oder aus Solidarität mit dem seit Jahren verschleppten Gilad Shalit.
So traurig es ist, aber die Israelis sind aus den letzten 50 Jahren einiges an Kriegen gewöhnt.
Frankreich’s Medien auf dem Weg nach Italien?
Das Italienischen Fernsehen ist spätestens seit der Kündigung der letzten “Nicht-Berlusconi” Vorsitzenden in Abhängigkeit des Präsidenten Berlusconi. Von Gleichschaltung haben einige geredet, wohl nicht ganz zu unrecht.
Frankreich’s allmächtiger “Präsident” dachte sich wohl was Silvio kann kann ich schon lang und hat gestern eine “Rundfunkreform” vorgelegt, die Werbung bei den öffentlichen Sendern von France Television abschaffen soll. Was auf den ersten Blick als diskutabler Vorschlag klingen mag ist bei genauerem Hinsehen nicht nur eine Schwächung der öffentlich-rechtlichen Sender, sondern führt auch zu stärkerer Abhängigkeit vom Präsidenten (Sarkozy bestimmt den Intendanten in Zukunft selbst) und mehr Werbeeinnahmen für den Privatsender TF1 seines Kumpels Martin Bouygues. Klingt nach Gleichschaltung und Korruption?
Ah… errinnert mich an Sarko Superstar (C’est moi le roi), wie hier bei Youtube…
Wächst Onlinewerbung in der Wirtschaftskrise? Noch.
Der deutsche Online-Werbemarkt wächst in den ersten drei Quartalen 2008 um 44 Prozent gegenüber Q1-Q3 im Vorjahr. Das hat die Bitkom in einer Pressemitteilung verlauten lassen. Schon der US Onlinewerbemarkt hatte 15% Wachstum im ersten Halbjahr gemeldet, teilweise in euphorischen Beiträgen – angesichts den schlechten Aussichten im Umfeld der Wirtschaftskrise. Andere waren da vorsichtiger gewesen und hatten gleich einige erschreckende Vergleiche parat:
IAB: Online Ad Spending Slows – Advertising Age – Digital
7. Okt. 2008, Michael Learmonth
The last time U.S. online advertising didn’t grow at double-digit rates was the tail end of the last ad recession, in 2002, when online ad spending was down 16% from the year before. Since then, the online ad market grew 21% in 2003, …
Denn natürlich werden Werbeausgaben mit gewisser Vorlaufzeit geplant und ich wette, dass die Budgets für 2009 die momentan gemacht werden weniger als 44% Prozent über den 2008 Budgets liegen. Daneben ist die Marktentwicklung in Deutschland zeitversetzt mit den Märkten in den USA und England, wo die ersten schlechten Zahlen eintrudeln.
Dennoch würde ich in einer finanziell sicheren Firma für eine antizyklische Werbeaktivität plädieren – sozusagen keynesianisch. Warum?
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Wirklich interessante Forschungsfelder: Ig Nobel
Springen Mäuseflöhe höher als Katzenflöhe, hat Schwertschlucken Nebenwirkungen, sind teure Placebos besser als billige, sind Frauen in ihren fruchtbaren Tagen attraktiver und kann Coca-Cola als Verhütungsmittel herhalten wenn Mann sich der Attraktivität hingegeben hat? Neben dem Nobelpreis – den der deutsche Krebsforscher Harald zu Hausen kürzlich bekommen hat – kenn man den Alternativen Nobelpreis (Right Livelyhood Award) mit dem vor einigen Tagen Monika Hauser ausgezeichnet worden ist. Aber Julia war letzte Woche bei der Verleihung der Ig nobel’s in Boston, einer sehr viel unterhaltsameren Angelegenheit.
Die “unehrenhaften” (ignoble) Preise werden von der Gesellschaft für unwahrscheinlich Forschung an Forscher vergeben für Projekte über die man zuerst lacht und dann nachdenkt. So zum Beispiel die Untersuchung über den Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen Attraktivität von Frauen und ihrem Zyklus. Das Experiment dazu klingt ziemlich nach Freakonomics à la Steve Levitt: Die Autoren haben Tänzerinnen aus Stripclubs über Trinkgeld und Zyklus Buch führen lassen und die Ergebnisse sind ziemlich eindeutig: In den fruchtbaren Tagen sind Trinkgelder fast doppelt so hoch wie während der Menstruation.
Ähnlich witzig sind die Untersuchungen zur spermiziden Wirkung von Coca Cola. Nach einer bestätigenden und einer widerlegenden Studie bewegt sich “Cola schütteln, einführen, ausspülen” aber immernoch irgendwo zwischen Verhütungsmethode und urban legend.
Hier gibts die volle Liste aller Gewinner!
Webdesign für Online-Gemeinschaften bei der d-construct in Brighton
Gareth und ich waren letzten Freitag bei der d-construct Konferenz bei der es um Webdesign ging und insbesondere um das “social web“. Sehr inspirierende Vorträge und vielen neue und alte Kontakte. Schon im Zug hatte ich per Twitter Joshua getroffen.
Gesprochen haben dann:
- Steven Johnson, Webdesigner aus NYC und Autor von “Invention of Air”
- Alex Krotoski, Spielefan und Guardian Journalistin
- Joshua Porter, Webdesigner und Autor von “Designing for the social web”
- Daniel Burka, Buddy von Kevin Rose und Chefdesigner von digg und pownce
- Tantec Celik, ex-Technorati designer und Microformats Campaigner
- Matt+Matt von Dopplr
- Jeremy Keith, Webdesigner aus Brighton und Hobbyphilosoph

Zum einen oder anderen Thema werd ich seperate Posts schreiben. Steven zum Beispiel hat die Geschichte des Cholera-Ausbruches 1854 in London (aus seinem Buch “Ghost Web”) beschrieben. “Einfache Leute” mit Ortskenntnissen von Soho hatten eine Karte mit den ersten Todenfällen angefertigt und so dabei geholfen die verseuchte Wasserpumpe zu identifizieren. Warum das heute interessant ist? Weiterlesen »
Digitales Rechte-Chaos oder Online-Zensur
Ich bin großer Fan der ARD Podcasts, insbesondere der Tagesthemen Video-Podcast landet fast jeden Abend auf meinem iPhone und verkürzt mir am nächsten Morgen die Fahrt mit der “Tube” zur Arbeit. Abgesehen davon, dass das neue iPhone 3G immernoch zu dumm dazu ist, Podcasts direkt über den iTunes Store zu updaten (kann mir jemand erklären warum?) – man also immer am Rechner aktualisieren und synchronisieren muss – funktionierte das bisher gut.
Mehr und mehr allerdings hört man komische Schnitte oder Anmoderationen von Beiträgen die dann nicht kommen: So beispielsweise der gestrige Podcast vom 24.8., in dem die Kritik an Olympia herausgeschnitten wurde, ebenso wie die Zusammenfassung der sportichen Leistungen der Olympiade in Peking, die beiden Bundesliga-Spiele vom Sonntag, etc. pp… Ganze 9:50 Minuten sind von der eigentlich rund halbstündigen Sendung übrig geblieben. Was für eine Farce!
Dass die Rechtevergabe der Olympischen Spiele extremstens kompliziert und streng überwacht ist mag man ja noch verstehen. Insbesondere um “Expatriates” kümmert sich niemand, weder die “Gastländer” die nur ihre eigenen Sportler zeigen noch die “Heimatländer” die eine Ausstrahlung der national fokussierten Berichterstattung ausserhalb der Landesgrenzen technisch verhindern.
Aber wenn außer den Rechteproblemen auch politisch kontroverse Beiträge in der Onlineversion der Tagesthemen nicht erscheinen, mach ich mir langsam sorgen um den Stand der Zensur von Onlinemedien in Deutschland.
Ach ja, die Bundesliga-Tabelle haben sie gnädigerweise nicht rausgeschnitten.
Sehr informativ am zweiten Spieltag.
PR Erfahrungen statt PR Agenturen
Wenn ihr in den USA lebt und Euch für Technologie interessiert kennt ihr sehr wahrscheinlich Jason Calacanis. Er hat “Silicon Alley Reporter” gegründet, Weblogs Inc., hat unendlich viel gebloggt und macht jetzt die Suchmaschine Mahalo. Jason war auf ungefähr allen großen Fernsehsendern, von CNN über Bloomberg bis hin zu Fox, ohne jemals eine PR Agentur oder auch nur einen Mitarbeiter in seinen Firmen mit PR beauftragt zu haben.
Sein Rezept, das er in seinem Email-Newsletter verrät:
My philosophy of PR is summed up in six words: be amazing, be everywhere, be real.
Jason meint, man muss möglichst überall auftauchen, wo Medienvertreter rumhängen und die Begeisterung rüberbringen ohne Leuten proaktiv reinzupressen was man macht. Er lädt auch immer alle Journalisten zum Dinner ein “always pick up the check – always!”
Funktioniert in New York City oder im Silicon Valley wahrscheinlich besser als in Deutschland, wo die Internetindustrie übers ganze Land verstreut ist… von Hamburg bis München und überall dazwischen.
Wer mehr wissen will, hinterlasst einfach nen Kommentar, ich kann Euch die ganze Email weiterleiten. Ziemlich lang, aber sehr interessant und unterhaltsam zu lesen.
Was Internet Startups machen und wie sie Geld verdienen
Analyse und Design würde ich als zwei meiner Lieblingsthemen beschreiben. Vielleicht war ich deshalb so begeistert von diesen “Tagcloud“-Diagrammen der Seedcamp-Bewerber. Sie geben einen netten Einblick in die Dienstleistungen über die Startups momentan nachdenken und wie sie versuchen diese zu Geld zu machen.
Auf dem Blog von Seedcamp gibts noch ein weiteres über die Technologien die die Geschäftsgründer verwenden. Hergestellt wurden die Diagramme übrigens mit einem Webdienst names Wordle. Auch der ist einen Blick wert.
Innovative Produkte am “unteren Ende der Pyramide” (”bottom of the pyramid” oder BOP)
Die indische Mobiltechnologie Firma VNL hat laut Spiegel online einen extrem cleveren Mobilfunkmasten vorgestellt, der neue Märkte am “unteren Ende der (ökonomischen) Pyramide” erschließen wird. Der Mast kann rein mit Solarenergie betrieben werden (braucht also kein Stromnetz), benötigt kein spezielles Werkzeug zum Aufbauen, funktioniert ohne Anschluss ans Telefonnetz (kann sich über Nachbarmasten mit dem Festnetz verbinden) und kostet nur 3500 $ statt den üblichen 20 000 $.
Interessant ist das Produkt aber vor allem, weil es eine technische Innovation zur Erschließung von neuen Märkten ist; und zwar riesigen Märkten, mit geringer Kaufkraft pro Person. Es ist ein Musterbeispiel von Prahalad’s Theorie vom “Unteren Ende der Pyramide”, dem “Fundament der Pyramide” oder im Original dem “Bottom of the Pyramid”, auch als “BOP” abgekürzt. Sie ist in Deutschland leider nicht sehr verbreitet, insbesondere nicht im Management, was vielleicht ein Grund ist wieso nur so wenige deutsche Firmen in Endverbrauchermärkten von Entwicklungsländern besonders erfolgreich sind. Informationen auf Deutsch gibts unter anderem bei 12manage.
Zusammen mit dem Handy für 15 Euro könnte es endlich helfen die gigantischen ländlichen Märkte zum Beispiel in Indien – mit schlechtester Infrastruktur, kein Strom, kein Telefon, keine befestigten Straßen – für Mobilfunk zu erschließen. Das kann dann selbst bei Mobilfunkumsätzen von 2$ pro Person (wie hoch war nochmal meine letzte Handyrechnung…) noch profitabel sein. Neben dem ökonomischen Wert für Hardwarehersteller und Mobilfunkunternehmen wäre das natürlich ein immenser Gewinn an Lebensqualität für die ländliche Bevölkerung.
Das Schaubild stammt übrigens vom telecoms-Blog.
Themen in US-amerikanischen Medien oder Nachrichtengerechtigkeit
Eine meiner Lieblingsinternetseiten in letzter Zeit ist TED.com, eine Konferenzreihe über “Technology, Entertainment, Design” mit erstklassigen Rednern zu unterschiedlichsten Themen, und alle Vorträge online unter Creative Commons Lizenz.
Dieses Wochenende ist mir dieser Minivortrag über das US-amerikanische Mediensystem in die Hände gefallen, inklusive einer Weltkarte mit der Verteilung der Berichterstattung nach Ursprungsländern in den großen US Medien. Unglaublich wie US-fokussiert die Nachrichten dort sind, und wie sehr der Irak alles außerhalb den USA dominiert. Europa existiert fast überhaupt nicht, ganz zu schweigen von Indien, China oder Russland. Die Umfrageergebnisse die Alisa Miller präsentiert scheinen darauf hinzudeuten, dass ein gewisses Interesse “der Amerikaner” für internationales Geschehen durchaus vorhanden ist, oder sogar wächst.
Weiss jemand ob es ähnliche Karten der Berichterstattung in deutschen Medien gibt? Ich vermute mal dass es da gar nicht so viel besser aussieht…




